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  „Die große Stunde der Taelons” von Rob   (Emailadresse siehe Autorenseite),   Februar 2003
Disclaimer: Alle E:FC-Charaktere gehören Gene Roddenberry und Tribune Entertainment. Bitte veröffentlichen Sie diese Geschichte nicht ohne vorheriges Einverständnis des Autors.
 
Thema:  Die Begegnung mit einem 15jährigen Jungen verändert Liams Leben grundlegend.
Charaktere:  Harmon, Liam Kincaid, Augur, Renee Palmer, Sandoval, Tate und Ni'is
 
Für Interessierte gibt es hier weitere Infos über Harmon.
 

 

DIE GROSSE STUNDE DER TAELONS

 

Teil 2

Harmon hatte Hunger bekommen und nachdem ihm Liam dieses Geständnis nach langem hin und her endlich aus der Nase gezogen hatte, waren sie mit Renee losgezogen um sich etwas zum Essen zu besorgen.
Da Liam und Renee auch großen Hunger verspürten, waren sie mit Harmon in ein Burgerrestaurant gegangen. Dort bestellte sich jeder einen Burger, nachdem Harmon seinen in Windeseile verdrückt hatte, meinte Liam grinsend:
„Hast du noch immer Hunger?”
Zögernd nickte dieser.
„Du kannst doch noch etwas bekommen, wenn du willst,” bot Renee an.
Liam bedachte sie mit einem seltsamen Blick, drückte Harmon etwas Geld in die Hand und schickte ihn los.
„Hab ich was falsches gemacht?”, erkundigte sich Renee dann etwas besorgt.
„Nein, aber... ach, dass verstehen Sie nicht.”
„Meinen Sie? Ich weiß, dass er ein netter Junge ist.”
„Renee, das ist es ja, er ist nicht irgendein netter Junge. Harmon ist mein Sohn,” sagte Liam, während seine Augen an dem Jungen hafteten.
„Das weiß ich.”
Im nächsten Moment erschien auch schon wieder Harmon, mit einem weiteren Burger in seiner Rechten und etwas in der Faust, die er jetzt noch geschlossen hielt, in der anderen Hand. Diese hielt er dann ein bisschen später offen Liam hin.
„Nein, behalt es ruhig. Es ist deins,” wehrte Liam ab.
„Danke,” er lächelte ihn an.
Nach dem Essen gingen Liam und Renee wieder zurück zu Augur, der immer noch bei Doors wartete. Harmon fragte Liam, ob er nicht vielleicht nach Hause gehen dürfte. Er hatte aber mit keinem Wort erwähnt, dass er es mit so vielen Menschen in einem Raum nicht aushielt. Seit er im Heim immer gepiesackt wurde, hatte er sich zu einem Einsiedler entwickelt. Er war einfach nicht den ständigen Umgang mit Menschen gewöhnt. Liam ließ ihn nur unter der Bedingung gehen, dass er auf dem Weg vorsichtig war. Wenn Sandoval ihn schon in seinem Versteck überrascht hatte, dann könnte er noch mehr Helfer wie Tate haben. Sandoval war zu allem fähig und dazu noch unberechenbar, das jetzt sogar noch mehr als vor seiner Einweisung in Montana. Der Widerstand, der im letzten Jahr sehr geschrumpft war, konnte nur von Sandovals Helfer ahnen. Tate war definitiv immer noch einer davon.


Eine Weile später bei Harmon

Tief in Gedanken versunken, lief Harmon den Weg zum unterirdischen Labor. Er wollte die Datenbanken durchforsten und sich ein bisschen über Sandoval und diesen Tate informieren.
Er kam nun im Labor an. Als er durch die leeren Gänge ging, war er schon längst am Hauptcomputer und arbeitete sich schon durch die einzelnen Sicherheitsprogramme. So merkte er zu spät, dass er von einem Kraftfeld umgeben war. In seinen Handflächen fing es nun zu kribbeln an. Das war etwas ganz neues. Beim ersten Mal hatte es gebrannt wie Feuer, jetzt kribbelte es unangenehm. Vorsichtig hob er nun seine Hände und wollte so das Kraftfeld mit seinem Shaquarava durchbrechen. Fehlanzeige! Er war gefangen.
Im nächsten Moment strömte Betäubungsgas aus und Harmon wurde ohnmächtig.


Ungewisse Zeit später, irgendwo

Unsanft wurde Harmon geweckt. Eine lange, spitze, silberne Nadel bohrte sich langsam und schmerzhaft in seinen Bauch. Er schrie um Hilfe, doch niemand kam. Nach einer Weile wurde die Nadel wieder herausgezogen und ein Mann, den er als Tate identifizierte, betrat den Raum. Dieser grinste nur fies.
„Was haben Sie vor?”, keuchte Harmon.
„Ich habe gar nichts vor.”
„Ich habe etwas mit dir vor, Harmon,” meinte eine ruhige Stimme von der anderen Seite der Liege aus, auf der er gefesselt war.
Harmon versuchte den Kopf zu drehen, aber er konnte niemanden an der Stelle erkennen, von der er die Stimme vernahm.
Harmon setzte zu einer Antwort an, doch er brachte keinen Laut heraus.
„Du fragst dich jetzt sicher, was ich mit dir vor habe und wer ich bin. Ich werde dir sagen, was ich mit dir vorhabe. Du bist der Grund, warum ich den weiten Weg hierher auf mich genommen habe.”
„Wozu brauchen Sie mich?”, fragte er, als er sich wieder gefasst hatte, mit den Augen suchte er immer noch den Raum ab.
„Das wirst du noch früh genug sehen,” antwortete wieder die ruhige Stimme.
„Wer sind Sie eigentlich?”, wollte Harmon dann weiter wissen.
„Dazu komme ich später. Mr. Tate, haben Sie die Ergebnisse?”
Dieser nickte nur wortlos.


Gleichzeitig bei Liam

„Ich hab' seit 2 Stunden nichts mehr von ihm gehört,”sagte Liam gerade zu Augur, als die beiden das Labor betreten hatten.
„Jetzt reg' dich doch mal ab. Verschwunden kann er ja gar nicht sein,” versuchte das Computergenie seinen Freund zu beruhigen.
„Was wenn er doch von irgendwem entführt wurde,” Liam war richtig besorgt.
„Liam, mal doch nicht den Teufel an die Wand. Wir werden ihn schon finden,” meinte Augur zuversichtlich.


Wieder bei Harmon

Er lag immer noch festgeschnallt auf einer Liege in dem selben dunklen Raum. Heftig rüttelte an seinen Fesseln, doch es half immer noch nichts. Im nächsten Moment betrat Tate wieder den Raum. Er machte das Licht über der Liege an, sodass Harmon geblendet wurde. Er drehte den Kopf zur rechten Seite und sah gerade noch, wie aus dem Raum ein blaues Wesen entstand.
„Boss, alles ist bereit für den Transfer,” meinte dann Tate.
Etwas an dem blauen Wesen kam Harmon bekannt vor. Fieberhaft suchte er nach einer Erklärung. Seine Gedanken rasten wild umher, bis es ihm klar wurde. Es war ein Taelon in seinem natürlichem Erscheinungsbild. Klar konnte er den Alien erkenne, er war ja zu einem Viertel auch so ein Wesen.
„Transfer?”, fragte er dann verwirrt.
„Durch den Transfer von einem Teil von deiner Energie, kann ich meine menschliche Form wieder annehmen,” erklärte das blaue Wesen, das ihm immer noch nicht gesagt hatte, wer es war.
„Ich will das nicht,” meinte Harmon entschieden.
„Was du willst, Kleiner, und was du zu melden hast, ist eine himmelweiter Unterschied,” erklärte Tate dann.
„Aber das ist meine Energie, ich kann doch wohl bestimmen, was damit passiert,” versuchte es Harmon weiter, weil er die lange Nadel noch in sehr gut in Erinnerung hatte.
„Nicht im diesem Fall. Von deiner Energie hängt mein Leben ab,” erklärte die ruhige Stimme wieder.
„Das ist mir im Moment so ziemlich egal,” plötzlich war er wütend, ohne dass er es richtig wollte.
Durch ein Zeichen der blauen Gestalt, entstand um die Liege herum wieder ein Kraftfeld.
„Lass dir ja nicht mehr einfallen, dein Shaquarava gegen uns einzusetzen. Die Energie kannst du dann auch gleich uns schenken,” Tates Stimme war drohend.
„Also gut, ich werde Ihnen - wie auch immer Sie das anstellen wollen - etwas Energie von mir abgeben, wenn Sie so scharf darauf sind,” gab er dann nach. Damit wollte er seine Entführer verunsichern. Er wusste nicht warum, aber er musste an Liam denken, was er wohl gerade machte oder ob er ihn suchte?


Bei Liam

Liam hatte das Gefühl, dass er gerufen wurde, war aber nur mit Augur in dem unterirdischen Labor. Augur jedoch, fand alles was er sehen konnte hoch interessant und kümmerte sich gar nicht um seinen Freund. Es wurde ihm klar, irgendwer nahm in seinem Geist mit ihm Kontakt auf, aber wer es genau war, konnte er nicht sagen. Es war nicht direkt eine Stimme, eher so etwas wie ein Geräusch, aber doch konnte er seinen Namen vernehmen.


Wieder bei Harmon, im dunklen Raum

Die Energiewand löste sich plötzlich um ihn herum auf. Seine Gedanken rasten wild umher. Wie konnte er sich nur befreien? Wie würde ihm dieser Taelon die Energie entziehen wollen? Würde es vor allem, schmerzhaft werden? Fragen über Fragen schossen ihm durch den Kopf. Auf einmal erfüllte ihn eiskalte Angst.
Tate lief nun im Raum umher und machte alles, was ihm sein Boss zurief.
Nun ging alles sehr schnell, die Stahltür und der einzige Eingang zu diesem Raum glühte für einen Moment, dann wurde sie von einer dunklen Gestalt aufgetreten. Das ging wirklich so schnell, dass Harmon gar nicht richtig ausmachen konnte, was als erstes geschah. Als die Personen, Harmon sah nun eine Zweite, den Raum mit gezogenen Waffen betreten hatten, hielt Tate sofort in seinen Bewegungen inne. Mit der Waffe gab die erste Person Tate zu verstehen, Harmon von der Liege loszubinden. Danach hielt ihn die zweite Person mit ihrer Waffe in Schach.
Als Harmon endlich die Fesseln los war, konnte er sich nicht aufsetzen. Die Schmerzen, die diese Spritze verursacht hatte, brachen jetzt wieder aus. Das Ergebnis davon war, dass er nicht aufstehen konnte. Wenn er versuchte, seinen Oberkörper anzuheben, schoss ein wahnsinniger Schmerz durch seinen ganzen Körper. Der dunkle Eindringling sah das und trat nun näher an die Liege heran. Jetzt schien die helle Lampe, über Harmon, auf das Gesicht des noch Unbekannten.
„Du?”, fragte Harmon von Schmerzen gequält.
„Macht doch ein bisschen schneller,” drängelte die zweite Person.
Der Retter ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen und nahm Harmon auf seine Arme um ihn herauszutragen.


In Sicherheit

Liam war der Retter gewesen, er hatte Harmon ersteinmal mit in das ehemalige Versteck des Widerstandes genommen. Nachdem die Taelons die Erde vor ungefähr fünf Jahren verlassen hatten, wurde dieser fast aufgelöst, bis auf ein paar größere Widerstandszellen. Falls aber doch noch etwas passieren sollte, konnten sie sofort wieder anfangen sich zu verteidigen.
„Was wollte Tate von dir?”, fragte Liam nach einem Moment des Schweigens.
„Er und dieser Taelon wollten Energie von mir abzapfen,” erklärte Harmon ruhig.
„Taelon!?”, echote Augur entsetzt.
„Ich glaube, es war der Auftraggeber von diesem Tate.”
„Wir müssen sofort den Widerstand zusammentrommeln,” meinte Augur noch aufgeregter und sprang zu seinen Computern.
Harmon sah den Leuten ruhig zu, wie sie zu den verschieden Geräten gingen, und konnte ihre Aufregung nicht verstehen. Dieser Taelon schien nicht sehr bedrohlich für ihn gewesen zu sein, weil er sich weit weg von ihm stand. Ihm kam es sogar so vor, als hätte er Angst vor ihm und als er versuchte, sich mit seinen Shaquarava zu verteidigen, hatte er dieses Energiefeld aufgebaut. Er traute sich aber nicht seine Überlegungen den anderen mitzuteilen.
„Ich kann die Zelle in Jacksonville nicht erreichen,” meinte Liam, nachdem er es einige Male versucht hatte.
„Lass mich mal ran, ich versuch es mal,” meinte Augur und schob seinen Freund ein Stück weg, von der Computerkonsole.
Aber Augur bekam auch keine Verbindung.
„Ich werde hinfahren,” meinte Renee dann, weil sie sowieso nichts mehr zu tun hatte. Im nächsten Moment war sie auch schon verschwunden.
„Harmon?”, Liam zog die Aufmerksamkeit des Jungen auf sich.
„Hm?”, er sah ihn an.
„Wo warst du eigentlich die ganze Zeit? Ich meine, in den Akten steht, dass du vor 4 geboren wurdest,” Liam verwendete mit Absicht das Wort geboren, weil er nicht wollte, dass sich Harmon als Monster oder ähnliches sah.
„Also, erinnern kann ich mich an einen dunklen, nein das stimmt nicht ganz. Da war ein ein Lichtstrahl, der von einer ein Stück geöffneten Tür verursacht wurde. Dann waren da diese Stimmen, vor denen ich mich sehr fürchtete. ..”
„Was für Stimmen?”, fragte Liam neugierig.
„Deine und seine,” Harmon zeigte auf Augur.
„Augur, warum sind wir damals nicht weiter in den Laboren rumgegangen?”
„Du meintest, alles wäre sowieso zerstört.”
„Gut, wie ging es weiter,” Liam wollte so viel wie möglich von seinem Schützling wissen.
„Wie gesagt hatte ich Angst und wartete, bis ihr weg wart. Dann kam ich irgendwann aus dem Laboratorium heraus und wurde sofort von der Polizei aufgegriffen. Die brachte mich dann in dieses Heim,” Harmon brach ab. Darüber konnte und wollte er noch nicht sprechen.
Liam konnte ihn verstehen und ließ das Thema ruhen und wollte warten, bis Harmon bereit dazu war, mit ihm darüber zu sprechen.
„Na, dann bringen wir dich mal ins Bett,” meinte Liam, nachdem er Harmon beim ersten Gähnen erwischt und dann auf die Uhr gesehen hatte.
„Wenn es etwas neues von Renee gibt, werd' ich es dir sofort mitteilen,” erklärte Augur.
„Bis Morgen, Augur,” flüsterte Harmon und schlich Liam hinterher.
„Ja, bis Morgen ihr zwei.”

Sofort als Harmon lag, war er eingeschlafen, der Tag war ja auch nicht gerade leicht für ihn gewesen. Er wurde gekidnappt und ein mysteriöser Taelon wollte an seine Energie ran. Es wurden Tests an ihm durchgeführt, Liam war schon verwundert, dass er überhaupt so lange durchgehalten hatte.
Mitten in der Nacht, wurde Liam aus dem Schlaf gerissen, Augur hatte Neuigkeiten.
„Kincaid,” meldete er sich.
<Ich bin's. Jacksonville hat sich ohne bei uns etwas zu sagen aufgelöst,> meldete Augur. Er schien nicht die Spur müde zu sein.
„Hätte das nicht auch bis Morgen warten können?”, fragte Liam etwas genervt.
<Ich hatte doch gesagt, dass ich dich sofort anrufe, wenn es etwas neues gibt,> verteidigte sich das Computergenie.
„Ja, das hast du. Aber ich hätte nicht gedacht, wenn ich dir sage, dass wir schlafen gehen, dass du mich dann anrufst, was wäre, wenn du den Kleinen aufgeweckt hättest?”, Liam war über späte Anrufer nicht erfreut, doch er meinte es nicht so, wie es klang, Augur wusste das auch.

Er fand sich wieder auf dieser bunten Wiese wieder. Es schien ihm, als ob er sich nur hier richtig entspannen und nachdenken konnte. Da er keine Schuhe anhatte, konnte er das weiche Gras genau spüren. Es war niemand weiter dort, weshalb er sich irgendwie einsam fühlte.
Sogar als er allein auf der Liege festgeschnallt in diesem Raum war, fühlte er sich nicht so allein. Etwas in seinem Inneren war sonst immer da gewesen und es schien, als ob es immer da sein würde. Als fester Bestandteil von ihm.
Auf einmal bekam er von der Ruhe um sich herum nichts mehr mit, weil so viel Wissen auf in einströmte, dass er Angst hatte, dass alles gar nicht verarbeiten zu können. Er rief um Hilfe, doch da war nichts. Er war allein, ganz allein. Hier war er nicht mehr Harmon, der von den Menschen verängstigte Junge, hier war er ein ganz anderer. Kein Mensch, kein Kimera, kein Taelon und kein Jaridian, er war einfach etwas unbeschreibliches.
Konnte ihm denn keiner Helfen? Die Informationen, die diesmal auf ihn einströmten, waren viel mehr als die beim letzten Mal. Er hatte das Gefühl, dass er von dem Informationsfluss mitgerissen wurde und dann, auf einmal war alles wieder wie vorher.
Die Wiese um ihn herum wurde wieder ruhig. Wo war er nur? Musste er immer, wenn er träumte an diesen Ort?

Liam war vor einer Weile aufgestanden und hatte noch nichts von Harmon gehört, der in seinem Bett schlief. <Bald brauche ich wirklich ein neues Apartment,> überlegte er, als er so an Harmon dachte.
Er holte sein Global heraus und durchsuchte die Wohnungsanzeigen in der heutigen Tageszeitung. Aber so richtig gab es da nichts, was ihn ansprach. Das Wohnungsangebot schien immer mehr an der Überbevölkerung der Welt zu leiden. Man hatte nun schon verschiedene Basen auf dem Mond gebaut und bewohnt. Aber die Menschen hatten noch ein wenig Angst davor einen anderen Planeten zu bewohnen. Deswegen wurden es auf der Erde immer mehr. Wohnungsmangel standen schon seit Monaten an der Tagesordnung. Es wurde darüber überall berichtete, in der nationalen sowie in der internationalen Presse. <Wann wurden diese Menschen endlich einsichtig?>, fragte er sich immer wieder. Liam konnte die Erde nicht verlassen, weil ihm dazu das Kleingeld fehlte. Er konnte aber nur hoffen, dass die Preise irgendwann so tief sanken, dass auch er wegziehen konnte. Nicht dass Liam die Erde unbedingt verlassen wollte, aber vielleicht konnte Harmon dort ohne Angst vor Sandoval, Tate und diesem mysteriösen Taelon leben. Er wollte ihn nie mehr in Gefahr wissen. Dafür war er ihn in den wenigen Tagen, die er mit ihm verbringen durfte sehr ans Herz gewachsen.
So erwachte sein Vatergefühl immer mehr. Harmon bestand zwar nur zu 2/4 aus ihm, aber es waren seine Gene, mit denen die Taelons damals rumexperimentiert hatten. Das hätte er von Da'an nicht gedacht, aber wer ihn schon verraten hatte, der tat auch etwas hinter seinem Rücken. Doch bevor er weiterdenken konnten, kam ein blasser Harmon ins Wohnzimmer geschlurft.
„Hey, guten Morgen,” grüßte Liam fröhlich.
„Morgen,” flüsterte Harmon lustlos.
„Konntest du nicht schlafen?”, erkundigte sich Liam besorgt.
„Das ist ja das seltsame. Ich habe tief und fest geschlafen.”
„Bist du krank?”, Liam stand auf und fühlte an Harmons Stirn.
„Ich war noch nie krank und werde damit auch jetzt nicht anfangen,” meinte er entschieden.
„Fieber scheinst du nicht zu haben,” erklärte Liam dann froh.
„Siehst du, du brauchst dir wirklich keine Sorgen machen.”
„Aber es kann ja nicht schaden, wenn wir mal zu einem Arzt gehen,” sagte Liam und hatte den Kommentar von Harmon völlig überhört.
„Arzt?”, echote dieser erschrocken.
„Ja, warum nicht.”
„Ärzte sind das schlimmste, was es auf der Welt gibt,” erklärte Harmon ängstlich.
„Harmon, Ärzte retten Leben und zerstören sie nicht,” versuchte Liam ihm klar zu machen.
Es half nichts. Harmon hatte Angst, vor Ärzten und besonders nun vor Spritzen. Er wollte alles, aber nur nicht zu einem Arzt, sie flößten ihm große Angst ein.
„Ich habe aber trotzdem Angst,” bei dieser Aussage war er nicht mehr der Teenager, der er rein äußerlich war, sondern der 4 Jährige.
„Okay, dann gehen wir eben ein anderes Mal zu einem Arzt,” erklärte Liam. Schließlich wollte er ihn nicht noch mehr verängstigen.
„Vielleicht kann ich dir sagen, welcher Taelon das war,” flüsterte er fast.
„Kannst du das wirklich?”, fragte Liam, er wollte ihn nicht fragen, woher er das wusste, vielleicht würde er darauf keine Antwort bekommen. Außerdem vertraute er dem Jungen.
„Ja,” er nickte entschlossen.
„Weißt du nur, wie er aussah oder, wie er heißt?”
„Ich kenne seinen Namen,” erklärte er nun mit etwas mehr Selbstvertrauen.
Einen Moment schien Harmon weit weg mit den Gedanken zu sein. Jedenfalls waren seine Augen nach innen gekehrt.
„Es war Ni'is,” erklärte er leise.
„Was?”, fragte Liam, weil er von so einem Taelon noch nie etwas gehört hatte.
„Er war der deutsche Companion. Da'an und er waren miteinander befreundet,” erklärte Harmon.
„Aber wieso ist er denn nicht mit den Anderen verschwunden?”, Liam hatte sich eingebildet, dass die Welt jetzt sicher wäre. Aber so lange noch ein durchgeknallter Sandoval, ein folgsamer, leicht bestechlicher Tate und ein wirklich seltsamer Taelon auf der Erde waren, war sie noch lange nicht sicher. Er konnte sich nur damit trösten, dass sie im Bundesstaat Florida noch eine etwas größere Widerstandszelle in Pensacola hatten. Dadurch waren sie in Florida noch immer vertreten.
„Das weiß ich nicht. Er sagte etwas von einem langen Weg, den er auf sich genommen hatte.”
„Okay, willst du sich noch ein bisschen hinlegen und dich ausruhen?”, fragte Liam mitfühlend.
„Wenn ich darf?”
„Ob du darfst?! Mensch, ich habe es dir doch angeboten,” Liam konnte ihn nicht verstehen, manchmal war er wirklich sehr verschreckt.
„Ja, dann leg' ich mich noch ein bisschen hin. Aber bitte weck mich doch nachher,” bat Harmon.
„Das werde ich,” versprach er dem Jungen.
Also schlurfte Harmon wieder zurück und legte sich schlafen.

Nun lag Harmon in Liams bequemen Bett und hatte Angst, dass der Schlaf wieder nichts bringen würde. Er wollte einfach nicht wieder im Traum auf dieser seltsamen Wiese sein und dann wieder so müde sein. Oder kam er vielleicht nur einmal am Tag auf diese Wiese? Das ließ hoffen.
<Harmon!>, rief ihn auf einmal eine Stimme, die sich so anhörte, als stände die Person, der sie gehörte, direkt neben ihm.
Erschreckt, saß er in Windeseile aufrecht im Bett. Er ließ seinen Blick im Zimmer umherschweifen.
<Harmon!>, rief diese Stimme wieder.
Als er niemanden sah, hatte er das Gefühl, dass er verrückt wurde. Er schien Stimmen zu hören, die nicht da waren. Nach einem Moment der Stille, legte er sich wieder auf den Rücken und versuchte zu schlafen. Wie sehr er auch vor der Wiese Angst hatte, war sie ihm viel lieber, als diese Stimme. Immer wieder Angst. Wie er dieses Gefühl hasste! Wenn es jemand herausbekam, würde er doch als Volltrottel oder Schwächling da stehen! Das wollte er auf keinen Fall.
Konnte man Angst eigentlich richtig bekämpfen? Mit dem Erfolg, dass sie nie wieder kam? Hoffentlich fand er das bald heraus. Angst zu haben war das schlimmste für ihn. Besonders, wenn man es ihm ansah. Aber darüber wollte er nicht mehr nachdenken. Im Prinzip wollte er nur schlafen, nur noch schlafen. Müde schloss er die Augen und schlief dann endlich ein.

 
* * *
 

Liam hatte noch einiges zu tun gehabt. Als er dann aber in sein Schlafzimmer ging, schlief Harmon tief und fest, da konnte sich einfach nicht dazu durchringen ihn zu wecken. Da hatte er sich auf den Sessel gesetzt und anfangen ein Buch zu lesen. Nun wachte Harmon auf. Suchend sah er sich um. Den verwirrten Blick in seinen Augen konnte Liam nicht verstehen.

Harmon erwachte, weil wieder diese Stimme nach ihm rief. Als er hochschreckte, sah er Liam im Sessel neben dem Bett sitzen. Sollte er ihm von dieser Stimme erzählen? In seinem innerem fand ein Kampf statt. Es siegte die Seite, die nicht wollte, dass er etwas sagte.

„Hey, was ist denn passiert?”, fragte Liam besorgt.
„Nichts, ich hatte bloß einen Alptraum,” log er. Im nächsten Moment hatte er ein schlechtes Gewissen.
„In einer Dreiviertel Stunde wollten Augur und Renee vorbeikommen,” meinte Liam entschuldigend, nachdem er kurz auf die Uhr geschaut hatte.
„Wie spät ist es eigentlich?”
„Kurz vor vier.”
„Oh, ich hab' wirklich länger geschlafen, als ich wollte. Entschuldige, das wollte ich nicht, aber ich war so müde.”
„Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen,” wehrte Liam ab.
„Ich werde mich sofort fertig machen,” erklärte Harmon und verschwand aus dem Zimmer.

<Wann würde der Kleine endlich so viel Vertrauen zu ihm haben, dass er ihm die Wahrheit darüber erzählte, warum er so hochgeschreckt war?>, fragte sich Liam. Der Junge war ihm oft ein sehr großes Rätsel.

Als Harmon sich umzog, sah er zum ersten mal, den großen blauen Fleck auf seinem Bauch. Vorsichtig berührte er ihn. Ein Schmerz, der sich durch seinen ganzen Körper zog wurde freigesetzt.
<Harmon!>, da war schon wieder diese Stimme, die ihn rief. Nun war er sich sicher. Er war eindeutig verrückt. Was sollte das werden? Warum wurde er immer gerufen? Irgendwie machte ihm das Angst.
<Harmon!>, schon wieder.

Es klingelte an Liams Apartmenttür. Das mussten sie sein, also ging er zur Tür und öffnete.
„Hallo, Leute,” begrüßte er seine Freunde.
„Hi, Liam. Wo ist denn...”
„Der ist noch im Bad. Er hat bis eben geschlafen,” erklärte Liam schnell und ließ seine Freunde hinein.
„Also, es war damals seltsam, als die Taelons ‚abreisten’, vermissten sie Ni'is. Das stand in ihren letzten Aufzeichnungen aus dem Labor,” erzählte Augur, während er sich auf das Sofa fallen ließ.
„Kann ich euch etwas anbieten?”, fragte Liam höflich. Schließlich wollte er kein schlechter Gastgeber sein.
„Ich nehme eine Cola,” meinte Augur enthusiastisch.
„Ich nehme dann einen Kaffee, wenn es Ihnen keine Umstände macht,” meinte dann Renee und war nicht so begeistert von Augurs aufgekratzter Art.
„Ach Unsinn, wenn Sie mir helfen, geht es sogar schneller,” erklärte Liam lächelnd.
„Okay,” Liam ging voraus, während Augur nur dasaß und den beiden hinterhersah.
Dann hörte er eine Tür knacken.
Harmon kam herein.
„Hallo, Kleiner!”, rief Augur einen tief in Gedanken versunkenen Harmon zu.
„Oh, ja. Hallo,” antwortete er leise und war mit seinen Gedanken ganz weit weg.
<Komm zu mir, Harmon!>, die Stimme konnte also mehr sagen als nur seinen Namen. Konnte man den Namen eines Projektes eigentlich einen richtigen Namen nennen? Er war doch eigentlich nicht mehr als ein Projekt, das fallen gelassen und dann von einem Irren doch noch gestartet wurde.
„Hey, was hältst du davon, wenn wir dich Harm nennen?”, fragte Augur, der es nicht aushielt, dass der Junge schweigend am Fenster stand und ihm den Rücken zuwandte.
„Hm?”, er drehte sich um und sah das Computergenie verwirrt an.
„Ich habe dich gefragt, ob wir nicht Harm sagen können. Es ist viel kürzer,” erwiderte Augur.
„Von mir aus,” seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als er sich wieder nachdenklich zum Fenster umdrehte. Er blickte auf die dunkle Stadt hinaus. Die Lichter hatten ihn schon immer fasziniert, aber heute war er nicht mit seinen Gedanken am Platz.
Leise kamen Liam und Renee wieder ins Wohnzimmer. Fragend sah Liam Augur an, als er Harmon am Fenster stehen sah. Obwohl Liam ihn nicht von vorn sehen konnte, hatte er das Gefühl, dass der Junge betrübt, allein und einsam aussehen mochte.
Er versuchte ihn zu verstehen, aber das konnte er nicht, weil er seine Erinnerungen nicht teilte. Aber wenn er nicht über das Heim reden mochte, dann musste es sehr schlimm gewesen sein. Hoffentlich konnte er zu diesen Erinnerungen bald etwas Abstand gewinnen.

Der Name Harm erinnerte ihn an seinen besten und einzigen Freund, Peter Cole. Er hatte ihn damals Harm genannt. Aber das war lange her, zu lange. Peter hatte Eltern gefunden, er war abgehauen und hatte Menschen gefunden, die ihn nicht verrieten. Ob er sie schon als Freunde bezeichnen konnte? Aber diese Menschen, hatten ihn gern, das spürte er einfach.
<Komm zu mir!>, zu wem sollte er kommen?
Dieses ‚Komm zu mir!’ hallte in seinem Kopf wieder und immer wieder. Es machte ihn wahnsinnig, dass er von irgendjemanden gerufen wurde. Ob er der Aufforderung nachkommen sollte? Oder sollte er sich jemandem anvertrauen? Was sollte er machen?

„Hey,” Liam war vorsichtig hinter ihn getreten und hatte ihm eine Hand auf die rechte Schulter gelegt.
Er drehte sich um. Obwohl Liam wirklich vorsichtig war, hatte sich Harmon erschreckt. Liam hatte das Gefühl, dass Harmon in einer anderen Welt lebte.
„Entschuldige,” erklärte Harmon flüsternd und... war das eine Träne? Seine Erinnerungen mussten wirklich sehr schlimm sein, wenn er sogar eine Träne im Auge hatte. Verstohlen wischte er sie mit dem Handrücken weg.
Er war doch kein Schwächling!
„Komm her,” seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Dann breitete er seine Arme aus.
Zögernd ließ sich Harmon von Liam umarmen. Das war die erste richtige Umarmung in seinem Leben. Auf einmal spürte Liam, dass Harmon in seinem Arm weinte. Langsam und beruhigend strich er ihm über den Rücken. Augur und Renee verfolgten die Szene nur schweigend und gerührt.
„Wir gehen besser,” schlug Renee einen Moment später vor und zog Augur mit sich.
Obwohl beiden kein Wort sagten, wusste jeder, dass dieser Moment etwas ganz besonderes war. Es war fast so, als könnte Liam spüren, was Harmon fühlte. So hörten sie nicht einmal, wie die Tür hinter Augur und Renee ins Schloss fiel. Liam wollte Harmon gar nicht mehr loslassen, weil er in dem Moment trotz seiner Größe doch sehr zerbrechlich wirkte. Er hatte Angst, wenn er ihn losließ, dass er ihn verlieren würde.

Harmon wusste nicht mehr, was er denken sollte. Konnte er Liam wirklich glauben? Irgendetwas tief in seinem Inneren, veranlasste ihn dazu Liam etwas Glauben zu schenken. Er wusste nicht warum, aber da gab es etwas, das ihm sagte, dass er Liam wirklich trauen konnte. Was war das nur wieder neues? So ein seltsames Gefühl der Verbundenheit, hatte er noch nie empfunden.

Liam wurde von einer ähnlichen Gefühlswelle überrollt. So verbunden hatte er sich nur zu seiner Mutter damals gefühlt. Es fühlte sich so verdammt gut an, den Jungen im Arm haben zu dürfen. Im nächsten Moment, war er betrübt, dass er nicht sein erstes Wort hören oder seinen ersten Schritt sehen durfte, wie es bei normalen Familien der Fall ist. Liam wollte alles wieder nachholen, so gut er konnte. Er wollte für Harmon da sein.
„Wer bist du?”, fragte Harmon, ging einen Schritt zurück und hob den Kopf um Liam richtig ansehen zu können, leise mit belegter Stimme.
Liam sah in seine Augen und überlegte genau, was er ihm antworten sollte. Harmon merkte dies und ließ Liam deshalb Zeit.
„Du hast ja bereits erfahren, dass du von mehreren Spezies abstammst, richtig?”, er fragte eigentlich nur, um noch einem Moment für die richtigen Worte zu haben. Er wollte seine Worte sorgfältig auswählen.
Harmon nickte, wusste aber nicht genau, worauf Liam hinaus wollte. Aber Harmon konnte warten, er wollte Liam nicht drängen, schließlich hatte Liam auch Rücksicht auf ihn genommen.
„Also von den Menschen, den Kimera, den Taelons und den Jaridians,” erklärte er, Harmon sah ihn aufmerksam an.”Ich habe dir auch erzählt, dass ich von den Menschen und den Kimera abstamme. Ich war der letzte Kimera. Weil deine menschlichen und die kimerianischen Gene von mir stammen, bin ich zum größten Teil dein Vater,” endlich hatte er es ausgesprochen.
Harmon sah ihn mit einer Mischung aus Verwirrung und Schock an. Er wusste nicht, ob er alles richtig verstanden hatte.
Liam konnte regelrecht hören, wie der Junge nachdachte. Es zeichnete sich ja auch deutlich auf seinem Gesicht ab. Wie würde er diese Nachricht wohl verdauen? Er konnte die Situation nicht richtig einschätzen.
Benommen wich er ein Stück zurück. Verzweifelt suchte er in seinem Gedächtnis nach Antworten.
<Komm zu mir, Harmon!>, konnte er jetzt nicht einmal mehr allein nachdenken, ohne das er gerufen wurde?
„Was ist los?”, fragte Liam, als er den abwesenden Blick Harmons sah.
„Ich..., ich höre seit einiger Zeit... eine Stimme, die mich immer wieder ruft,” stotterte Harmon zusammen.
Es schien ihm sehr peinlich zu sein.
„Hey, das ist doch nicht schlimm,” entgegnete Liam verständnisvoll.
„Finde ich aber doch, dass ist doch nicht normal,” erklärte Harmon leise.
„Das mag ja sein. Aber du kannst mir ruhig davon erzählen,” Liams Stimme war warm und seine Augen strahlten Zuneigung Harmon gegenüber aus.
„Danke. Aber ich glaube, mein vollständiges Wissen kann ich nur mit deiner Hilfe erlangen,” wich Harmon dann unbewusst vom Thema ab. Er wusste nun, dass er Liam vertrauen konnte. Aber über seine Gefühle sprechen fiel ihm immer noch sehr schwer.
„Mit meiner Hilfe?”
„Ja, ich habe einen ganzen Teil von Erinnerungen von meinen anderen Vorfahren erhalten. Vielleicht kannst du mir ja helfen, sie... sie zu ordnen?”, er sah ihn schüchtern und unruhig an. Er traute sich eigentlich sonst nie um Hilfe zu bitten. Harmon wollte von niemandem abhängig sein, mit allem allein klar kommen. Aber manchmal kam er eben nicht darum herum, jemanden um Hilfe zu bitten.
„Ich würde dir gern helfen, sehr gern sogar,” erklärte Liam und sah Harmon aufmunternd an.
„Wirklich?”
„Ja, versuch mir doch endlich mal zu vertrauen,” bat Liam eindringlich.
„Das ist nicht so einfach.”
„Ich weiß. Aber tu es doch einfach. Ich werde versuchen, dich nie zu enttäuschen,” Liams Stimme war immer noch eindringlich, aber nicht schroff, nur sehr ruhig.
„Ich kann nicht, jetzt noch nicht jedenfalls,” erklärte Harmon leise.
„Ich weiß das, aber je eher du anfängst den richtigen Menschen zu trauen. Desto besser wird es dir gehen,” versprach Liam. Das würde noch ein hartes Stück Arbeit werden. Obwohl Harmon jetzt wusste, dass Liam es ernst mit ihm meinte.
<Komm zu mir, Harmon!>, jetzt klang es eher wie ein Befehl als ein Ruf.
Harmon wurde verzweifelt. Wer rief ihn immer wieder? Wohin sollte er kommen? Woher wusste diese Person, oder wer es auch immer war, seinen Namen? Diese Fragen ließen ihn nicht mehr klar denken. Sollte er dem Befehl endlich nachkommen, sodass es endlich aufhörte?

Es war schon eine Weile her, seit dem Liam schlafen gegangen war.
<Komm zu mir, Harmon!>, er war überhaupt nicht eingeschlafen.
Leise stand er auf und zog sich an. Sollte er Liam eine Nachricht hinterlassen? Er entschied sich, es zu erklären, wenn er zu spät wiederkam. Schnell sah er sich im Wohnzimmer um und ging zur Wohnungstür. Er trat hinaus und schloss leise hinter sich die Tür.
Er wusste nicht genau, wo er hin sollte. Hoffentlich gab ihm sein Wissen etwas darüber Preis, wenn er allein war.
<Komm her!>, je weiter er ging, desto deutlicher wurden die Worte. Er bekam gar nicht mehr mit, wohin er eigentlich unterwegs war. Am Anfang wusste er noch ungefähr, dass er in Richtung Norden ging.
Es war, als ob er von einem schwarzen Schatten verfolgten wurde. Aber das bekam er natürlich nicht mit, weil ihn auf einmal das unbekannte Gefühl, das sich Neugierde nannte, überkam. Eigentlich war das für Harmon ganz untypisch. Aber da kam wohl wieder das Kleinkind, das er nun auch einmal war, zum Vorschein. Er wollte jetzt unbedingt wissen, wer ihn da rief. Dieses Verlangen war so groß, dass er gar keinen Gedanken daran verschwendete, was eigentlich alles passieren könnte.
Der Schatten war nun nicht einmal drei Meter von ihm entfernt. Etwas in seinem Inneren wollte, dass er vorsichtig war. Doch dieses Gefühl ignorierte er einfach.
Aber es bleib vorhanden und verschwand nicht einfach, so wie er inständig gehofft hatte. Harmon ging langsam weiter. Es bestand kein Grund zur Eile, jedenfalls nicht für ihn.
<Harmon!>, die Stimme rief wieder nach ihm.
Er schien bald da zu sein. Aber wo war er eigentlich? Es war ganz dunkel. Jetzt konnte er noch umkehren. Konnte er wirklich noch umkehren? Nein, dafür war er schon zu nah an der Auflösung.
Auf einmal wurde er gepackt und seine Arme auf den Rücken gedreht. Ein wahnsinniger Schmerz durchzog seinen Körper.
„Ah,” schrie er auf.
„Sei leise,” zischte man ihm bedrohlich ins Ohr.
Harmon musste gehorchen. Ob er nun wollte oder nicht. Warum war er nur so töricht gewesen und hatte nicht auf seine Umwelt geachtet? Er könnte sich für diese Unachtsamkeit selbst ohrfeigen. Wer war dieser Kerl bloß. Auf jeden Fall war es nicht Sandoval, dessen Stimme klang anders und Liam würde ihn nie so erschrecken, oder doch? Harmon wusste es nicht, in diesem Moment.
Dann wurde es ihm klar, es war mal wieder Tate. Er hatte ihn wieder geschnappt. Dieser Taelon Ni'is gab anscheinend nicht so leicht auf. Es war wohl seine Stimme, die ihn immer wieder gerufen hatte. Das machte ihn wahnsinnig. Warum war er immer so leicht außer Gefecht zu setzen? Wütend, oder eher ängstlich versuchte er sich aus dem Griff zu wenden. Das nützte aber nicht viel. Tate jedoch ließ nicht von Harmon ab.
„Das nützt nichts,” Tate zischte es ihm gehässig ins Ohr.
Harmon jedoch ließ das kalt, er brachte all seine Kraft zusammen und versuchte ihn zu treten. Er traf aber nicht.
„Lassen Sie ihn los!”, brüllte jemand anderes von hinten.
Tate ließ Harmon aber nicht los. Er schien sich in den Kopf gesetzt zu haben den Anderen zu ignorieren.
„Na los!”, forderte die Person mit mehr Nachdruck auf.
Aber Tate ließ nicht von Harmon ab.
„Sie haben mir gar nichts mehr vorzuschreiben!”, schrie Tate den anderen an.
„Wer hat Ihnen mehr geboten als ich?”, wurde er gereizt gefragt.
„Niemand.”
„Das glaub ich Ihnen nicht. Geben Sie's doch zu, man hat Ihnen was geboten, das ich nicht geben konnte,” der Andere schrie fast. Er war eindeutig verrückt. Durch diese Verrücktheit klang seine Stimme verändert. Deshalb hatte Harmon ihn auch nicht sofort erkannt. Es war Sandoval!
Harmon stöhnte innerlich auf. Jetzt wurde sogar schon wegen ihm gestritten! Oh, wie sehr verwünschte er mittlerweile seine Existenz.
Vorsichtig drehte er seinen Kopf um. Tate schien sich nur mit Sandoval zu befassen, der ebenfalls eine Waffe in der Hand hatte. Harmon schien sich kaum noch zu fragen, wie Sandoval es schon wieder geschafft hatte aus dem Krankenhaus zu entkommen. Aber wie sollte er entkommen? Harmon fühlte, wie die Hände, die immer noch seine Handgelenke fest umschlossen hielten, feucht wurden. Hatte Tate etwa Angst? Das konnte er kaum glauben, aber er konnte die Unruhe von Tate fast körperlich spüren. Aber vielleicht würde Sandoval ihn so ablenken, dass er irgendwie doch davon kam. Harmon konnte durch Tates Schweiß seine Unterarme ein wenig bewegen. Die Unterhaltung zwischen Sandoval und seinem ehemaligen Handlanger konnte er gar nicht mehr hören. Er schien sich so darin verrannt zu haben, sich zu befreien, dass er sich in einer Art Trance befand.
„Wozu brauchen Sie den eigentlich?”, wollte nun Tate von Sandoval wissen.
Harmon hatte seine Überlegungen aufgegeben und hoffte, dass seine Instinkte gut genug waren, um einen guten Moment zu finden.
„Eigentlich geht Sie das gar nichts mehr an,” erwiderte Sandoval sarkastisch und aufgebracht zugleich.
Er war wütend auf Kincaid, warum beschützte er dieses Experiment? Kincaid war ja schon immer seltsam gewesen, das musste er sich eingestehen.
„Ich will es aber wissen.”
„Er ist der Schlüssel,” antwortete er knapp und seine Blicke durchbohrten den anderen hasserfüllt.
„Welcher Schlüssel?”
„Sagen Sie mal, sind Sie so blöd, oder tun Sie nur so?”, fragte Sandoval genervt.
„Sie vergessen etwas,” meinte Tate und zeigte auf Harmon, den er ja immer noch in seiner Gewalt hatte.
„Ich vergesse das bestimmt nicht, aber wir können uns doch wieder zusammentuen, wie in alten Zeiten,” schlug Sandoval vor.
Es waren zwar nur wenig Straßenlampen vorhanden, aber was nun passierte, konnte keiner der Anwesenden glauben. Am wenigsten Harmon. Die Glühlampen zersprangen, sodass es total dunkel war. Tates Griff ließ auf einmal los und Harmon rannte, was das Zeug hielt. Kugeln oder eher Energieblitze schossen an seinen Ohren vorbei, doch er rannte weiter. Um stehen zu bleiben hatte er viel zu viel Angst. Wo er hinrannte, wusste er nicht. Nach einer Weile hatten die Schüsse aufgehört. Irgendwann konnte er nicht mehr laufen, so blieb er in der Dunkelheit stehen. Ärgerlich stellte er fest, dass er sich verlaufen hatte. Was sollte er jetzt nur machen? Wo war bloß Liam? Es machte ihn traurig, dass er ihm nicht vertraut hatte, um ihm zu sagen, was mit ihm los war.
Harmon hatte sich eine dunkle Ecke gesucht, in der er sich erst einmal verstecken würde. Er wollte dort bleiben, bis der Tag anbrach, an dem er sich dann besser in der Gegend orientieren könnte. Da er sowieso warten konnte, ging er in Gedanken zurück zu Tates und Sandovals Gespräch. Sandoval hatte davon geschlossen, dass er ein ‚Schlüssel’ sei. So sah er doch eigentlich gar nicht aus, dachte Harmon ironisch. Was meinte dieser Verrückte damit nur? Warum wollten die beiden ihn haben? Tate konnte er ja noch halbwegs verstehen, aber Sandoval mit seinem ‚Schlüssel’. Vielleicht bildete er sich immer noch ein, dass er ihm helfen konnte, mit den Jaridians Kontakt aufzunehmen. Er kannte diese Rasse nicht einmal, wie sollte er dann mit ihnen in Verbindung treten? Ging das überhaupt? Harmon wurde müde, aber er konnte doch nicht einfach schlafen. Er musste wach bleiben, egal was passierte, er musste unbedingt wach bleiben. Vielleicht war es noch nicht gerade lebensbedrohlich, aber es war doch sicher schlimmer, als wenn er starb, wenn Sandoval oder Tate ihn wieder in die Finger bekamen.

 
* * *
 

Liam schreckte hoch. Was hatte ihn nur geweckt? Er sah sich in seinem Schlafzimmer um. Es sah eigentlich alles normal aus. Trotzdem ließ es ihn keine Ruhe, er stand auf und wollte nach Harmon sehen. Doch der war verschwunden. Seine Decke lag nicht zusammengelegt auf der Couch. <Wo war er bloß?>, fragte er sich besorgt. Hatte er ihm vielleicht einen Zettel geschrieben? Liam sah sich aufmerksam überall um. Es passiert ja oft, dass eine Nachricht vom Tisch weht oder runter fiel. Zu oft hatte er es schon im Fernsehen gesehen. Da wollte er absolut kein Risiko eingehen.

 
* * *
 

Harmon hatte die Beine angezogen und die Arme um die Knie geschlungen. Er hätte nicht gedacht, dass es so kalt werden könnte. Harmon zitterte am ganzen Leib. Nie wieder würde er freiwillig eine Nacht draußen verbringen. Seine Jacke war viel zu dünn. Er musste sich im Labor, in der Kleiderkammer, eine dickere besorgen. Vorausgesetzt Liam würde ihn noch einmal weglassen, nach dieser Aktion. Das bezweifelte er aber sehr. Ob Liam ihm je wieder vertrauen würde? Er hatte sein Vertrauen schon jetzt verloren. Da war er sich mehr als hundertprozentig sicher.
Er war eben der, der er immer war. Irgendwie schaffte er es immer wieder, dass die Menschen anfingen ihn nicht mehr zu mögen. Im Moment blieb ihm aber nichts anderes übrig, als da sitzen zu bleiben und zu warten, aber warten war so ziemlich das schlimmste was es gab.

 
* * *
 

Liam hatte keine Ahnung, wo er anfangen sollte zu suchen. An das denken, was alles passiert sein könnte, wollte er nicht. Er wollte nicht noch jemanden in seinem Leben verlieren. So viele Menschen musste er ohne etwas tun zu können einfach sterben sehen. Es machte ihn fertig, wenn er daran dachte, dass er absolut nichts tun konnte. Wo konnte er nur sein? Fragte er sich immer wieder besorgt. Ob Augur ihm helfen konnte? Liam, beschloss Augurs Hilfe heranzuziehen. Vielleicht konnte er mit seiner Hilfe mehr absuchen.
Augur wollte ihm helfen. Nach stundenlangem Suchen, das am Ende nichts brachte, kehrte Liam wieder nach Hause zurück. Er hoffte, dass Harmon von allein zurückkommen konnte.

 

 

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